WERK
ADALBERT STIFTER
In Österreich entstand, neben Grillparzers und Halms
Novellen, in Adalbert Stifters (1805-1868) Erzähldichtung eine neue Hochform
der Prosa. Erst nach dem Ersten Weltkriege wurden ihr dichterischer Wert und
ihr humaner Sinn voll erkannt. Nietzsche gab den ersten Hinweis auf Stifters
klassischen Stil. Ähnlich wie Grillparzer gewann Stifter das Erbe Goethes für
Österreich, um es auf eine gedämpftere, engere, innigere und ethisch
betontere Art fortzuführen. Er verband den bürgerlich beruhigten, auf die
Bildung des individuellen Bewusstseins gerichteten ästhetisch-sittlichen
Humanismus des deutschen Idealismus seit Herder mit seiner angestammten
katholischen Gläubigkeit. Geistiger Aristokratismus und ein
bäuerlich-heimatliches Grundgefühl, Seinsvertrauen, Überzeugung vom
höchsten Bildungssinn der Kunst, der Glaube an die sittliche Wahrhaftigkeit
des Schönen und ein zunehmender Pessimismus gegenüber Zeit und Zukunft
schichten sich in Stifters Persönlichkeit und Werk ineinander. In Oberplan
an der Moldau (Böhmerwald) kam er zur Welt; im Umgang mit Landschaft, Volk
und Märchen wuchs er auf. Immer wieder kehrte seine Dichtung in dieses
Kinderland zurück. Stifter studierte in Wien, malte, las Jean Paul und diente
als Hauslehrer in aristokratischen Häusern. Später lebte er als Schulinspektor
in Linz, wo er seine pädagogische Weisheit nur unter Schwierigkeiten
fruchtbar machen konnte. Von Jean Paul war seine erste Erzählung Der Condor
angeregt; in Der Hochwald verband sich mit romantischem
Ruinenzauber eine Beschwörung der Waldheimlichkeit; nicht als romantische
Träumerei, sondern mit sinnenhaft vollerem Sehen und Fühlen. In der von
einem herben Schicksalsglauben bewegten, tragischen Erzählung vom Juden Abdias deutet sich ein Wissen um das Unheimliche des Lebens an, das Stifter, weil er um
seine Verführungs- und Zerstörungskräfte wusste, meist verdeckt hat. Er
suchte, als Schutz, das Schlichte, Stille, eine ethische Bändigung aller
Leidenschaftlichkeit, eine harmonische Schönheit, die "Einfalt sittlicher
Größe und Güte". Sein symbolisches Erzählen machte Menschliches und
Dingliches transparent zu Grundordnungen des Seins. In der Sammlung Studien
(1844/50) gab er nach innen gewandte Erzählungen heraus, die starke Gefühle zu sanfter Gelassenheit beschwichtigen und mit bisher unerhörter Nuancierung die Bilder der Landschaft und das Innenleben der Menschen schildern.
In der Vorrede zu der Sammlung Bunte Steine (1853), die, nach Vorfassungen, bereits einen gedämpfteren, objektivierteren Stil und eine betont erzieherische Sinngebung zeigt, beschrieb er selbst, offenbar als eine Antwort auf das Chaos, das sich für ihn in der Wiener Revolution 1848 aufgetan hatte, seine ästhetisch-sittliche Eigenart: „Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne, halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den Feuer speienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja, ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind... So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechts. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Streben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemüts, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sogar für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind wie Stürme, Feuer speiende Berge, Erdbeben.“ Wie im Sanften, Kindlichen, Schwachen eine widerstehende innere Kraft tödliche Gewalten bezwingt, wird in diesen locker und dennoch sehr kunstvoll gefügten Erzählungen zum Grundthema in Variationen.
Stifter entwickelte sich zu diesem „sanften Gesetz“ einer bürgerlich-sittlichen Bewahrung des klassischen Humanitätsideals aus zunächst mehr lyrisch bewegten und emotional erregten Anfängen. Er erkämpfte es gegen eine eigene innere Bedrohung, die ihn nach schmerzhaften Leiden im vermeintlichen Selbstmord enden ließ. Er betonte die geschichtlichen Bindungen des Menschen (Die Narrenburg, Nachkommenschaften, Die Mappe meines Urgroßvaters), er knüpfte an den Erziehungsroman an (Der Hagestolz), feierte die Heiligkeit der Familie und entsagender Liebe (Brigitta) und stellte der von ihm abgelehnten Zeitbewegung die Ehrfurcht vor den beharrenden und bewahrenden Mächten im Natur-, Sitten- und Menschenleben entgegen.
In Der Nachsommer (1857), einem der klassischen deutschen Bildungsromane nach Goethes Wilhelm Meister, ließ er einen jungen Menschen in gepflegter, ästhetisch und sittlich gehobener Umwelt zwischen Stadt und Land, Adel und Bürgertum zum Vorbild einer schönen und sittlich gereiften Menschlichkeit aufwachsen. Zeitnah und zeitfern war dieses in gelassener Breite erzählende Werk: Die Kräfte der klassischen Humanität waren, gedämpft und verklärt durch das weichere, mildere Lebensgefühl österreichischen Menschentums, zurückgerufen. Sie werden in Entsagung und Erfüllung einer anders gearteten Wirklichkeit entgegengestellt. In Witiko (1865/67), einem breit geschriebenen geschichtlichen Epos in ungebundener Rede, wendet sich der Erziehungsgedanke dem Volksganzen, der „Darstellung der objektiven Menschheit als Widerschein des göttlichen Waltens“ zu. In der Zeit der „Staatswerdung“ Böhmens und der Herzöge von Babenberg im 12. Jahrhundert entfaltet sich das Wachstum der mittelalterlichen Kultur am schweren Kolonistenwerk.
Es ging Stifter auch hier um das Typische, Gesetzhafte, um das innere Werden eines vorbildlichen Menschen und mit ihm eines Recht, Natur und Ordnung verwirklichenden Volkes in langsamer Entfaltung. Großartig, wie immer bei ihm, ist die Schilderung der wilden, unbetretenen Natur und der vom Menschen durchlebten und gestalteten Landschaft. Witiko ist Stifters große politische Antwort gegen die Entwicklung der Zeit, so wie er ihr im Nachsommer das utopische Erziehungsbild zur Humanität entgegengehalten hatte. Das Bemühen, die Geschichte in einen epischen Mythos von der Wirklichkeit des Wahren und Gerechten im Irdischen zu verwandeln, hat zu einer Stilisierung der Form geführt, die trotz oft großer Schönheit etwas Gewaltsames und Mühsames erhält. Die drei Fassungen der Mappe meines Urgroßvaters lassen Stifters Selbsterziehung zur Klassizität deutlich werden. Die Arbeit an der vierten Fassung der Mappe unterbrach der Tod.
| Textquelle: |
Fritz Martini: Deutsche Literaturgeschichte - Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Kröners Taschenausgabe, Bd. 196, S. 413-415, Stuttgart 1991. |

Die letzte Seite der Mappe meines Urgroßvaters
mit der Bemerkung des Freundes Johannes Aprent am linken Rand:
„Hier ist der Dichter gestorben. Der Herausgeber des Nachlasses.“
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